Themenabend: Ärztemangel auf dem Land

3. September 2013

Bericht aus der Lokalpresse vom Bersenbrücker Kreisblatt.

jaha Gehrde. Wird es ihn in Zukunft noch geben, den Hausarzt um die Ecke? Zum Thema Ärzteversorgung in Deutschland referierten Dr. Gisbert Voigt, Vizepräsident der Ärztekammer Niedersachsen, und Klaus Pohl, Regionalleiter der Barmer GEK, auf einem Informationsabend in der Gaststätte Bungenstock.

Rund 350000 berufstätige Ärzte gibt es derzeit in Deutschland – so viele wie noch nie. Doch der Schein trügt: Die Zahl der Medizinstudierenden geht zurück, obwohl es den Prognosen zufolge schon 2017 einen Ersatzbedarf von knapp 77000 Ärzten bundesweit geben wird. Diese Fakten präsentierte Voigt, der selber als Kinder- und Jugendarzt in Melle tätig ist. Für die ländlichen Regionen bedeutet das einen erheblichen Mangel besonders in der hausärztlichen Versorgung.

Wie kommt es dazu? Verschiedene Entwicklungen seien Ursache für diese Situation, so Voigt. Der medizinische Behandlungsbedarf steige zum einen mit dem medizinischen Fortschritt und ermögliche damit ein größeres Behandlungsspektrum. Zudem erfordere die immer älter werdende Bevölkerung eine intensivere Betreuung. Gleichzeitig jedoch haben sich die Bedürfnisse der nachwachsenden Ärztegeneration geändert: Ein Trend zur Arbeitszeitverkürzung fiele ebenso ins Gewicht wie die „Work-Life-Balance, so der Facharzt. Bei einer Tendenz von überwiegend weiblichen Medizinabsolventen und der neu eingeführten Vaterzeit beeinflussten Familien- und Freizeitplanung die Wahl des Wohn- und Arbeitsortes. Die Neigung zur Niederlassung sinke dadurch, die Tendenz gehe zu einem bevorzugten Angestelltenstatus in Städten.

Besonders betroffen sind die Hausärzte auf dem Land, bereits 1600 fehlen. Aufgrund ihres hohen Durchschnittsalters und absehbaren Renteneinstiegs soll sich die Situation in den kommenden zehn Jahren drastisch verschlechtern. Ebenfalls „Ursache für diesen konkreten und regional deutlich werdenden Ärztemangel ist nicht nur die Dauerreformen des Gesundheitssystems mit einer Überregulierung und Bürokratisierung des Ärzteberufs, sondern auch die Entwertung der ärztlichen Tätigkeit durch die Politik und Krankenkassen“. Als Beispiel: Laut Planungsvorgabe fehlten in Bramsche bereits vier Hausärzte bei einer Rechnung von 1670 Einwohnern pro Arzt. In Gehrde gibt es gar keinen.

Die ärztliche Versorgung dennoch sicherzustellen ist deshalb Aufgabe eines Gremiums, bestehend aus Fachleuten der Krankenkassen, Kassenärztlicher Vereinigung und Landesbehörde. Deren Herangehensweise erläuterte Klaus Pohl. „Wir haben außerdem eine Reihe von Modellprojekten am Start, die Alternativen bieten können“, so der Regionalleiter der Krankenkasse Barmer. So sei die Beschäftigung eines Heimarztes speziell für Pflegeheime oder die ärztliche Grundversorgung durch medizinische Fachangestellte realisierbar.

 Als Referenten begrüßte (von links) Axel Meyer zu Drehle zum Thema Ärztemangel auf dem Lande in Gehrde Dr. Gisbert Vogt und Klaus Pohl (Barmer GEK). Foto_ Janina Hammig


Als Referenten begrüßte (von links) Axel Meyer zu Drehle zum Thema Ärztemangel auf dem Lande in Gehrde Dr. Gisbert Vogt und Klaus Pohl (Barmer GEK). Foto_ Janina Hammig

Eher theoretischer Natur blieben die von Voigt umrissenen Lösungsansätze für langfristige Reformen von Ausbildung und Erhalt von Arbeitsplätzen. Stipendien für Studenten mit Verpflichtung für eine spätere Hausarztniederlassung, neue medizinische Fakultäten zur Schaffung von Studienplätzen oder eine Umsatzgarantie für Landärzte seien Ansatzpunkte.

Die Zuhörer nahmen nach Ende der Präsentation eine angeregte Debatte über die Verantwortlichkeiten und Reaktionen der Politik, Krankenkassen, Ärztekammer und Bevölkerung auf. Als Fazit für die Bevölkerung auf dem Land sei es wichtig, dass die Kommunen und Bürgermeister beispielsweise mit einer guten Infrastruktur Standortvorteile schafften und ein kollegiales Netzwerk aufgebaut werde. Auch die Zusammenarbeit mit Ambulanzen und Krankenhäusern sei von Wichtigkeit für eine gute medizinische Versorgung.

Es gehe darum, das Thema verstärkt ins politische Bewusstsein zu rücken, denn „wenn’s drauf ankommt, ist es der Hausarzt“, der über den Behandlungsvorgang entscheide, so eine anwesende Allgemeinärztin. Dennoch, so warnte Voigt,, solle man sich „nicht der Illusion hingeben und in Zukunft auf jedem Dorf einen Hausarzt voraussetzen“.