Rede des Präsidenten des Europäischen Parlaments bei der Gnesener Versammlung „Europas Weg ist der Mensch“:

Wasza Eminencjo Księże Arcybiskupie Muszyński,
Szanowny Panie profesorze Bartoszewski,
Szanowna Pani ambasador Thun,
Szanowny Panie dyrektorze Raabe.
Ekselencję, Szanowni Państwo, drogie Europejki i drodzy Europejczycy.
W tym roku jestem w Polsce po raz czwarty. Cieszę się, ze mogę tu z państwem być po raz kolejny w Gnieznie i rozmawiać o ważnych europejskich sprawach.

Und nun meine sehr verehrten Damen und Herren zu Ihrem Vorteil und zu meinem Vorteil weiter in meiner eigenen Landessprache.

Ich freue mich sehr hier erneut wieder bei Ihnen zu sein. Weil sie die Frage gestellt haben nach unserem Menschenbild in der Europäschen Union. Und wie könnte man eine Einladung vom Herrn Erzbischof Henryk Muszyński nicht annehmen wenn er einen bittet hier nach Gnesen zu kommen? Und dafür fährt man dann auch acht Stunden im Auto vom westlichen Niedersachsen hier nach Gnesen. Aber wir haben heute Morgen schon so ein wunderbares Gespräch gehabt im Bischofshaus. Der Erzbischof Henryk Muszyński und Andere, dass es sich schon gelohnt hat hier bei Ihnen zu sein.

Und nun stellen wir uns die Frage: Wie bauen wir ein Europa des Menschen? Eine Europäische Union die den Menschen in den Mittelpunkt ihres Handelns stellt? Wie können wir eine Gemeinschaft bilden die über eine reine Wirtschaftsgemeinschaft hinausgeht und die uns hinführt zu einer Gemeinschaft der gemeinsamen Werte in deren Mittelpunkt der Mensch steht? Das ist die große Frage. Diesen Fragen haben Sie sich bereits in den vergangenen Tagen intensiv gewidmet. Und zu diesem Thema haben sie auch mich eingeladen heute zu ihnen zu sprechen. Und ich tue es gerne, weil es um unser gemeinsames Europa geht. Es ist das gemeinsame Europa aller 27 Völker in der Europäischen Union mit nun nahezu 500 Millionen Menschen. Und es ist das Europa zu dem auch Polen Gott sei Dank gehört.

Ich werde weniger zu ihnen sprechen als deutscher Europäer, sondern in der Verantwortung meines Amtes als Präsident des Europäischen Parlaments. Und ich habe bei der Diskussion verschiedener Fragen in den letzten Tagen immer wieder erlebt, dass man mich mehr als einen Deutschen identifiziert. Ich möchte ihnen ganz klar sagen, natürlich bin ich deutscher Europäer aber ich spreche nicht für Deutschland, auch nicht für die Regierung der Bundesrepublik Deutschland. Ich spreche für das Europäische Parlament und ich spreche insbesondere, wenn sie es mir gestatten, als ein Freund Polens. Als jemand der noch in der letzten Woche zwei Tage in Warschau war. Es war für mich ein tiefes Erlebnis als Präsident des Europäischen Parlamentes einen Kranz für das Europäische Parlament am Grab von Jerzy Popieluszko niederzulegen.

Denn das ist die Gemeinsamkeit die uns verbindet dafür wo Jerzy Popieluszko eingetreten ist und gestorben ist. Das sind auch unsere Werte die uns heute in Europa verbinden. Und Polen ist ein wichtiges Land in diesem Europa! Und wir müssen Polen wie auch die anderen Länder Brücken bauen. Und dieses Brückenbauen, diese Handreichung über nationale, sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg, der Wille zu Zusammenarbeit im Kleinen wie im Grossen, vom regionalen Umfeld bis hin zur zwischenstaatlichen Zusammenarbeit das macht den eigentlichen Geist der Europäischen Union aus.

Brücken bauen, hinzuhören, hören, verstehen, lernen und dann wenn man den Anderen, die Andere versteht, dann kann man den Weg in die Zukunft gemeinsam gehen.

Europa bedeutet immer Kompromiss, Europa bedeutet nie, dass einer sich alleine durchsetzt. Europa bedeutet aufeinander zugehen, sich verstehen lernen und dann sich einigen.

Meine Damen und Herren, wir feiern in diesem Jahr den 50. en Jahrestag der römischen Verträge und wir können mit Gewissheit feststellen, dass wir in einer aus historischer Perspektive in einer relativ kurzen Zeit viel für die Menschen auf unserem Kontinent erreicht haben. Wir sind auf dem Weg der europäischen Integration weiter fortgeschritten, als es sich die Gründerväter der europäischen Gemeinschaft Anfang der 50.er Jahre des vorigen Jahrhunderts jemals hätten vorstellen können.

Heute feiern wir den Erfolg einer politisch integrierten Europäischen Union, die Krieg unter ihren Teilnehmern undenkbar gemacht hat, die den größten Binnenmarkt in der Welt darstellt, und die auf einem breiten Feld von gemeinsamen Politikbereichen tätig ist.

Das eigentliche Wunder unserer Generation war jedoch die Überwindung der einst in Jalta oktroyierten Verfassung Europas. Unsere gemeinsamen europäischen Werte haben sich durchgesetzt und heute ist die Europäische Union der größte freiwillige Zusammenschluss von Völkern in der Welt. In Vielfalt vereint sind 27 selbstbewusste Nationen mit nahezu 500 Millionen Menschen.

Meine Damen und Herren, ich selbst gehöre dem Europäischen Parlament seit seiner ersten Direktwahl im Jahre 1979 an. Und gestern auf der Fahrt von Bad Iburg in Niedersachsen hier nach Gnesen sprach ich mit meinem Mitarbeiter Robert Golański, wo ist er jetzt, Pole in meinem Kabinett. Wir haben uns über sein Geburtsjahr unterhalten. Er ist fünf Monate vor meiner Wahl ins europäischen Parlament geboren und heute gehört er zum engsten Mitarbeiterstab des Präsidenten des Europäischen Parlamentes. Ein Pole – ist das nicht ein wunderschönes Symbol für den Weg den wir zurückgelegt haben.

Und wenn mir jemand 1979 gesagt hätte „ Du wirst deine Stimme dafür abgeben, dass drei Nationen, die von der Sowjetmacht okupiert sind, nämlich Estland, Lettland und Litauen, dass die Warschauer Pakt Staaten Polen, die Tschechische Republik, die Slowakei heute, früher die Tschechoslowakei, dass Ungarn, Slowenien als Teil Jugoslawiens, Bulgarien und Rumänien der Wertegemeinschaft der Europäischen Union angehören, wenn das jemand 1979 gesagt hätte. Meine Antwort wäre gewesen: „Es ist ein schöner Traum, es ist eine große Hoffnung, es ist eine Vision, aber ich glaube nicht dass es in meiner Lebenszeit Wirklichkeit wird.”

Und meine Damen und Herren, es ist Wirklichkeit geworden. Und deswegen lassen Sie allen Zweifel, hier und woanders im Westen der Europäischen Union oder wo auch immer. Lassen sie den Zweifel und sagen, wir sind dankbar dafür, dass wir die Grenzen in Europa überwunden haben und dass wir heute gemeinsam in der Werteunion der europäischen Gemeinschaft leben.

Meine Damen und Herren, liebe polnische Freunde, dieses war weit mehr als nur eine politische Wende. Das 20.te Jahrhundert hat den totalitären Nationalsozialismus erlebt, und es hat den totalitären Kommunismus erlebt. Der Nationalsozialismus hat, wie sie es nannten, die Rasse in den Mittelpunkt gestellt. Und der totalitäre Kommunismus hat, wie sie es nannten die Klasse in den Mittelpunkt gestellt. Und beides ist gescheitert. Den neuen Mensch, den die Nationalsozialisten machen wollten und den die Kommunisten machen wollten der ist nicht entstanden, sondern der Mensch, bleibt so, wie von Gott geschaffen, ausgestattet mit der menschlichen Würde, als Person sich selber verantwortlich, verantwortlich für die Gemeinschaft. Und dieses ist die eigentliche philosophische, wenn sie so wollen, die moralische und damit auch die politische Bedeutung, dass unser christliches Menschenbild sich durchgesetzt hat, gegen den Kommunismus, gegen den Nationalsozialismus. Unser christliches Menschenbild hat sich durchgesetzt und wir sollten von Herzen dankbar und froh darüber sein!

Wir dürfen nie vergessen, woran es gelegen hat, dass dieses am Ende möglich war. Natürlich waren es die Menschen und gerade hier in Polen muss man immer wieder daran erinnern. Und ich weiß natürlich auch um die Diskussion in ihrem Lande. Man muss immer wieder daran erinnern, warum war dieses alles möglich. Es war möglich weil es Solidarnosć gab in Polen. Lech Wałęsa und all die, die mit ihm gestritten haben, viele sind hier im Raum. Es war möglich durch die unterstützende Kraft des großen polnischen Papstes Johannes Paul II., der den Menschen hier in seiner Heimat 1979, 1980 und dann immer wieder zugerufen hat: „Habt keine Angst!” Nein als Christen sind wir mutig. Und wir gehen den Weg der Menschenwürde, der Menschenrechte, der Freiheit und deswegen haben sich unsere Ideale am Ende durchgesetzt. Lassen sie uns diese niemals vergessen.

Als ich eben mich eintragen durfte in das Gästebuch von Herrn Erzbischof Henryk Muszyński, habe ich mich noch einmal über das Datum vergewissert. Heute ist der 17. Juni. In Deutschland 1953 gab es den Aufstand der Menschen im damals kommunistischen Deutschland, die sich Deutsche Demokratische Republik nannte, aber sie war nicht demokratisch, sondern es war ein totalitäres System Und die Menschen sind am 17. Juni auf die Strasse gegangen, haben sich gegen die sowjetische Panzer gewannt. Und ein Tag wie heute hier in Gniezno, in Polen, ist Anlass auch an die zu denken, die heute vor 54 Jahren sich für die Freiheit in Deutschland eingesetzt haben. Lassen sie uns dankbar dafür sein, liebe polnische Freunde, dass Polen, Deutsche und andere Europäerinnen und Europäer gemeinsam für unsere Werte friedlich gekämpft haben: für die Freiheit, für die Demokratie, für den Rechtsstaat – wir können stolz darauf sein, weil dieses eine Grundlage ist, dass wir auch den Weg in die Zukunft gemeinsam erfolgreich gehen werden. Aber wir müssen etwas dafür tun.
Polen war ausgeschlossen der Gemeinschaft der Europäischen Union anzugehören nahezu für ein halbes Jahrhundert. Und wir sind im Westen Europas den Weg des Nordatlantischen Bündnisses gegangen. Und wir wissen, dass die Freundschaft mit Amerika, mit den USA wichtig ist. Und wenn wir anderer Meinung sind, mit den USA, z. B. über Guantanamo, weil wir meinen, dass das mit unserem Rechtsbewusstsein nicht übereinstimmt, dann sagen wir es unseren amerikanischen Freunden, weil jeder ein Anrecht hat auf ein Rechtsverfahren, ob er Terrorist ist oder nicht Terrorist, das gehört zu unserer Werteordnung in Europa dazu. Aber wir sollten immer die Freundschaft und die Partnerschaft mit unseren amerikanischen Freunden zum Ausdruck bringen.

Und nun am 25. März, vor wenigen Wochen, haben sich die Staats- und Regierungschefs der Länder der Europäischen Union und der Präsident der Europäischen Kommission und der Präsident des Europäischen Parlaments in Berlin getroffen. Und ich hatte die Ehre, die Berliner Erklärung mit zu unterzeichnen. Und es heißt dort: „Diese Hoffnung auf Frieden und Verständigung hat sich erfüllt. Sie hat Gemeinsamkeit gestiftet und Gegensätze überwunden. Wir Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union sind zu unserem Glück vereint.“ Welch schönes Wort „Wir sind zu unserem Glück vereint.“ Die europäischen Völker haben sich im Laufe einer bewegten und wechselvollen europäischen Geschichte in selbstbewusste Nationen entwickelt. Trotz ihrer nationalen Unterschiede ist ihr gemeinsames kulturelles Erbe das in der griechischen Philosophie, dem Humanismus, vor allem aber im Christentum verwurzelt ist, bewahrt geblieben.

Und ich möchte es hier sagen: ich habe in meiner anderen Eigenschaft als Fraktionsvorsitzender, in der ich auch vor zwei Jahren hier war, mich dafür eingesetzt, dass wir in die europäische Verfassung den Gottesbezug hineinschreiben sollten. Ich habe mich auch damals dafür eingesetzt, dass wir neben der Nennung der griechischen Philosophie, des römischen Rechts, der Aufklärung auch unser christlich jüdisches Erbe in der Verfassung darstellen sollten. Leider waren wir dabei nicht erfolgreich. Und ich darf es hier vielleicht sagen: ich war vier Monate vor dem Tod von Johannes Paul II. noch einmal bei ihm am 30. November 2004. Der heutige Kardinal von Krakau, sein Sekretär, Stanisław Dziwisz hat mir dann ein wunderbares Dokument überreicht, von Johannes Paul II, dessen Kraft, man sah es, ganz offensichtlich zu Ende ging. Johannes Paul II hat sich in diesem, noch von ihm unterschriebenen Dokument, für unseren Einsatz bedankt für die europäische Verfassung, für die Nennung des Gottesbezuges und des christlich-jüdischen Erbes. Und er schreibt in dem Dokument „Obwohl Sie nicht erfolgreich waren, hat es gleichwohl seinen Sinn und seine Bedeutung, dass sie es versucht haben.“

Meine Damen und Herren, wenn sie gestatten zu sagen, auch liebe Freunde, es ist wichtig, obwohl wir dieses damals und jetzt nicht erreicht haben, dass wir gleichwohl uns zu den Prinzipien unserer Grundwerte die in der Verfassung verankert sind bekennen. Es sind die Prinzipien der Würde des Menschen, es sind die Menschenrechte, es ist die Demokratie, es ist die Rechtsordnung, es ist die soziale Markwirtschaft, es sind die Prinzipien der Solidarität und der Subsidiarität und es sind unsere christliche Prinzipien. Und wir dürfen nicht Abseits stehen, wenn es jetzt darum geht unsere Werte zu verteidigen. Denken wir einmal daran, und ich hätte es mir gewünscht, dass wir den Gottesbezug gehabt hätten, und dann, wenn man den Gottesbezug gehabt hätte, die Christen sich gleichsam zurückgezogen hätten und gesagt hätten „ Ja, wir haben das ja jetzt alles in der Verfassung“ und die Christen hätten sich nicht mehr engagiert. Ja wir hätten es gerne gehabt, aber wichtig ist, dass wir uns als Christen auch als Katholiken und Orthodoxe, Protestanten, woher wir auch kommen, dass wir uns engagieren für unsere gemeinsamen Werte und das wir gemeinsam auf der Grundlage unserer Werte nun die Zukunft unsers Kontinents bauen.

Friede ist unser Ziel. Freiheit das Prinzip und Solidarität ist unsere Methode. Das sind die Leitprinzipien mit den die Gründerväter den europäischen Einigungsprozess eingeleitet haben.

Wir alle wissen, dass dieses gemeinschaftliche Unternehmen von Anfang an auch eine moralische Bedeutung hatte. Und einer der Gründungsväter Alcide De Gasperi sagte in diesem Zusammenhang: „Der Glaube gibt uns Halt und der Optimismus ist eine konstruktive Kraft, wenn es darum geht, ein großes politisches und menschliches Ideal zu realisieren wie es die europäische Einigung darstellt.“

Ein Leben in Frieden war das vorrangige Ziel des Schumann Plans und darüber hinaus sollte dem Verlangen der Bürger nach Freiheit und Selbstbestimmung entsprochen werden. Folgerichtig waren die freie Entfaltung, Toleranz und Brüderlichkeit Kernprinzip der Gründungsväter. Damit verbunden war der Grundsatz, dass alle Menschen eine gleiche und unantastbare Würde besitzen. Der Mensch in seiner Unvergleichbarkeit, mit all seiner Würde war und ist Mittelpunkt des europäischen Einigungsprojektes. Schließlich ging es auch darum auf eine weitere große Hoffung zu antworten. Beim Wiederaufbau Europas nach der Zerstörung des Zweiten Weltkrieges, die Früchte der Solidarität zu ernten. Freiheit war also zugleich verbunden mit Verantwortung für den Mitmenschen, für die vergangenen und die zukünftigen Generationen. Das Prinzip der Solidarität wurde damit sowohl zur Methode als auch zur Seele des Einigungsprozesses. Gemeinsam mit dem vorhin erwähnten Grundprinzip der Personalität stützen sich die Gründungsväter damit bewusst auf zwei Kernprinzipien der katholischen Soziallehre als tragende Säulen des europäischen Integrations- und Einigungswerkes. Und zu diesem Zeitpunkt, als die europäische Integration zu einem Kristallisationspunkt der Hoffung auf Frieden, Demokratie und Gerechtigkeit wurde, begann der lange Leidensweg der Länder Mittel- und Osteuropas unter der kommunistischen Diktatur. Und die Wiedervereinigung Europas heute verdanken wir zuallererst dem Mut und dem Freiheitswillen der Völker hier in Mittel- und Osteuropa. Nie haben die Menschen die Hoffnung aufgegeben eines Tages in wieder Freiheit und Demokratie zu leben und ihren angestammten Platz in der Familie der demokratischen Staaten Europas einzunehmen.

Meine Damen und Herren, dieses ist die große Wende gewesen in Europa und ich empfehle uns, dass wir die Erfahrungen der Menschen, der Polen, der Esten, der Letten, der Litauer und all derjenigen die im totalitären Kommunismus gelebt haben, dass wir diese Erfahrungen als diejenigen die im Westen gelebt haben, uns berichten lassen, dass wir davon lernen. Aber genauso wichtig ist es, dass unsere neuen Kolleginnen und Kollegen im europäischen Parlament von unseren Erfahrungen in Westeuropa lernen. Und die Grundlage ist die Solidarität.

Wir haben gegenwärtig ja eine Diskussion darüber und das ist dann konkrete Politik, meine Damen und Herren, dass Russland sich weigert polnisches Fleisch nach Russland zu importieren. Am Ende sind die Dinge auch wenn es um Solidarität geht sehr konkret. Und wenn Russland den Import von Fleisch aus Polen verhindern will und keine Gründe dafür hat dieses zu verhindern, dann ist dieses nicht nur ein Problem zwischen Polen und Russland, sondern es ist ein Problem zwischen Russland und der gesamten Europäischen Union. Das heißt, wir als die Europäische Union stehen solidarisch an der Seite Polens und der Menschen hier in ihrem schönem Lande.

Das Gleiche trifft zu in der Frage der Energieversorgung. Ihre Regierung und viele Menschen in Polen sind darüber besorgt, dass vielleicht Russland eines Tages die Energieversorgung gegenüber Polen stoppen könnte. Öl und Erdgas. Hoffen wir, dass diese Befürchtung nicht gerechtfertigt ist. Aber wenn sie gerechtfertigt sein sollte, und sollte dieses Eintreten, dass Polen keine Energieversorgung bekommt, dann müssen alle anderen Europäerinnen und Europäer, alle anderen Staaten der Europäischen Union an der Seite Polens stehen und wir müssen solidarisch sein. Solidarität ist die Grundlage der europäischen Union.

Die Beziehungen unter unseren Völkern in der Europäischen Union, weil wir eine europäische Familie sind, müssen immer Vorrang haben vor Beziehungen eines Mitgliedslandes der Europäischen Union gegenüber einem Drittstaat. Kein Drittstaat darf in die Lage versetzt werden, die Europäische Union zu spalten. Nein! Wir, die Europäische Union müssen zusammenstehen und unsere Werte und unsere Interessen gemeinsam vertreten.

Und nun, meine sehr verehrten Damen und Herren, stehen wir in einer sehr schwierigen Zeit und es wäre unaufrichtig hier nicht darüber zu sprechen. In der kommenden Woche, am Donnerstag und am Freitag, möglicherweise sogar am Samstag, werden sich die Staats und Regierungschefs, der Kommissionspräsident und auch der Präsident des Europäischen Parlamentes in Brüssel treffen. Und es ist eine gute Übung, dass der Gipfel der Staats- und Regierungschefs eingeführt wir durch eine Rede des Präsidenten des Europäischen Parlamentes. Und ich möchte Ihnen gerne sagen, was der Hauptbestandteil meiner Rede am kommenden Donnerstag sein wird. Es ist das Bekenntnis zu diesen Werten der Solidarität, der Subsidiarität, der Menschenwürde und es ist das Bekenntnis dazu, dass wir jetzt eine große Kraftanstrengung brauchen, dass das Verfassungsprojekt, das zunächst in Frankreich und in den Niederlanden gescheitert ist, nun auch Wirklichkeit wird. Und dieses ist eine wirklich große Kraftanstrengung.

Meine Damen und Herren, wir haben in der Welt gewaltige Herausforderungen: der Klimawandel, der Kampf gegen den Terrorismus, der Dialog der Kulturen. Und wenn wir als Europäer in der Europäischen Union nicht einig sind, dann können wir diese Herausforderungen nicht bestehen.

Es geht in dem neuen Vertrag um mehr Demokratie und Parlamentarismus, dass das Europäische Parlament gleichberechtigt wird in allen Fragen der Gesetzgebung. Es geht darum, dass wir dem Interesse Polens entsprechen in der Energieversorgung unsere Solidarität zum Ausdruck zu bringen und wir sollten es in den Vertrag hineinschreiben.

Aber es gibt auch, und das muss ich ehrlicherweise als Christ hier ansprechen, einen Dissens mit der polnischen Regierung. Ich weiß nicht ob mit dem polnischen Volk, aber mit der polnischen Regierung. Und das ist die Frage des Abstimmungsverfahrens im Ministerrat. Und der Vorschlag des Europäischen Parlamentes ist, und der Vorschlag der in der Verfassung, in dem Verfassungsvertrag steht, ist, dass wir das Prinzip der doppelten Mehrheit haben. Das heißt, wenn ein legislativer Beschluss gefasst wird, dann müssen dabei die Staaten berücksichtigt werden und es müssen die Bürger berücksichtigt werden. Die Europäische Union ist eine Union der Staaten und der Bürger. Und der Vorschlag ist, dass bei den Gesetzgebungsbeschlüssen 55 Prozent der Staaten beteiligt sein müssen, das heißt, von 27 Ländern 15, und dass auf der Seite der Bürgerinnen und Bürger 65 Prozent berücksichtigt werden müssen von der Bevölkerung. Also auf der Ebene der Staaten 55 Prozent, das sind 15 Länder und auf der Ebene der Bürgerinnen und Bürger 65 Prozent der nahezu 500 Millionen Menschen.

Meine Damen und Herren, das Europäische Parlament und zumindest 25 der27 Staaten sind der Meinung, dass dieses Verfahren ein faires und demokratisches Verfahren ist. Die polnische Regierung will ein anderes Verfahren, Herr Raabe hat darauf hingewiesen, und man hört, dass die Tschechen dieses unterstützen. Aber alle Anderen in der Europäischen Union sind anderer Meinung. Meine Bitte an die polnische Regierung ist, und ich formuliere es vorsichtig, den Weg mit den anderen 25 Ländern und mit dem Europäischen Parlament mitzugehen und nicht ein Veto einuzreichen, denn wenn wir ein Veto Polens bekommen, würde dieses Europa in eine tiefe Krise stürzen und deswegen meine Bitte, dass wir diesen Weg gemeinsam gehen. Und im Übrigen hat eine frühere polnische Regierung, diesem Prinzip, von dem ich gesprochen habe, zugestimmt durch die Unterschrift. Und meine Bitte ist, da Polen mit Recht die Solidarität erwarten kann in anderen Fragen, dass die polnische Regierung jetzt auch solidarisch ist mit der gesamten europäischen Union, mit dem Europäischen Parlament, wenn es um diese Frage des Abstimmungsverfahrens im Ministerrat geht.

Ich freue mich, meine sehr verehrten Damen und Herren, um die Unterstützung an diesem Punkt, weil es da wirklich um unsere Zukunft geht. Wir, die Europäische Union, sind nicht einfach nur so ein Zusammenschluss von Staaten und von Völkern.

Wir müssen uns immer wieder vergegenwärtigen, der Kommunismus gründete auf den Materialismus. Und erstaunlich ist ja, wie manche frühere Kommunisten zu Kapitalisten geworden sind. Und das ist ja Materialismus, deswegen war das für sie gar nicht so schwer, sie haben vorher an den Materialismus geglaubt und viele glauben auch heute wieder an den Materialismus. Bei uns, bei den Christen ist das anders. Wir sind für die Markwirtschaft, aber wir sind dafür, dass auch der Markt eine soziale Seite haben muss. Weil nämlich wir ein Menschenbild haben, das geprägt ist von der Eigenverantwortung und der Verantwortung für die Menschen. Das heißt von Subsidiarität, eigenem Handeln aber auch vom Grundsatz der Solidarität dem Handeln für die Gemeinschaft, für die Anderen.

Und ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie mal Europa verlassen. Ich hatte die Gelegenheit vor vierzehn Tagen im Nahen Osten zu sein. In Palästina, in Israel. Ich war einer der letzten Besucher im Gaza Streifen, war dann och kurz in Jordanien. Und wenn man dann nach Europa zurückkommt, unabhängig davon in welches Land der Europäischen Union, ob es Polen ist, ob es Deutschland ist, Frankreich, ich empfinde jedes Mal wenn ich zurückkehre nach Europa ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit, dass wir heute auf einem Kontinent leben, auf dem die Völker trotz gewisser Meinungsunterschiede, und die wird es natürlich immer geben, dass wir heute auf einem Kontinent leben, in der Europäischen Union, wo die Menschen, wo die Völker in Freiheit und in Frieden zusammenleben. Dieses ist doch eine wunderbare Erfahrung und wir sollten uns von Herzen uns darüber freuen.

Und jetzt, meine Damen und Herren, und das ist meine letzte Bemerkung, und das hat etwas mit dem Menschenbild zu tun. Wir achten jeden Menschen so wie er geschaffen ist. Und jeder Mensch ist anders. Ob er eine hohe Position hat, oder eine niedrige Position hat, ob der Mensch behindert ist oder Friedensnobelpreisträger oder sonst ein Nobelpreisträger ist, alle Menschen haben die gleiche Würde. Und da dieses für den Menschen zutrifft, trifft dieses auch für menschliche Gemeinschaften zu. Jedes Land, ob Polen, Frankreich oder Deutschland, Malta, Luxemburg, welches Land auch immer, hat seine eigene Geschichte, hat seine eigene Würde. Und diese Vielfalt müssen wir in Europa erhalten. Und Europa beginnt dort wo wir zu Hause sind. Europa beginnt nicht in Brüssel oder in Strassburg. Europa beginnt dort, wo wir zu Hause sind, wo wir unsere Familien haben, wo wir unsere Freunde haben, wo unsere Heimat ist. Das bedeutet hier für Gniezno, für Gnesen Europa beginnt hier in Gnesen. Und dann haben sie eine Verantwortung für ihr polnisches Vaterland. Sie haben eine Verantwortung für die Europäische Union. Und wir haben gemeinsam eine Verantwortung für die Welt. Und damit Europas Interessen, und was noch wichtiger ist, damit Europas Werte, wie Menschenwürde auch verteidigt werden können, brauchen wir eine starke Europäische Union. Eine Europäische Union, die sozusagen das Dach ist über den Nationen, damit die Vielfalt gewahrt bleibt, aber wir dort einig sind, die Einheit herstellen, wo jedes Land für sich zu klein geworden ist. Und das ist unsere Aufgabe in den nächsten Wochen. Und deswegen ist es so wichtig, dass am kommenden Donnerstag und Freitag wir in Brüssel zu Ergebnissen kommen. Und ich habe mit Freude gehört, dass der Präsident Lech Kaczynski, der ja zur Eröffnung dieser beeindruckenden Veranstaltung hier gewesen ist, in einer Weise gesprochen hat, dass eine Verständigung möglich ist.

Liebe Freunde, dieses ist unser gemeinsames Europa. Aber wir müssen diesen Weg in die Zukunft Europas gemeinsam, gehen. Keiner sollte für ein bestimmtes Prinzip sterben wollen. Keiner sollte ein Veto einlegen, sondern wir brauchen eine Einigung, damit unser Kontinent, damit die Europäische Union und damit im Kern die menschliche Würde eine Zukunft hat. Ich danke Ihnen für Ihre Geduld.

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