Rede des Präsidenten Pöttering zum „50. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge: Sondersitzung mit europäischen Nobelpreisträgern“

Sehr verehrte Nobelpreisträger,
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Sehr verehrte Damen und Herren!

Es ist mir eine große Ehre, am heutigen Europatag 13 europäische Nobelpreisträger zu dieser Sondersitzung anlässlich des 50. Jahrestags der Unterzeichnung der Römischen Verträge im Europäischen Parlament begrüßen zu können. Herzlich willkommen unsere Gäste, die Nobelpreisträger!

Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Ich danke Ihnen für diese Anerkennung der großen Leistung unserer Nobelpreisträger, die heute hier sind.

Am 9. Mai 1950 rief Robert Schuman den Menschen seiner Zeit zu: „Den Feinden von gestern reichen wir die Hand, um uns zu versöhnen und um Europa gemeinsam aufzubauen“. Dieser Aufruf war Ursprung des größten Friedens- und Demokratieprojekts der europäischen Geschichte, das 1957 mit der Unterzeichnung der Römischen Verträge fortgesetzt und vertieft wurde.

Wir feiern heute 50 Jahre Stabilität, Wohlstand und Fortschritt im freien Teil unseres bis 1989 geteilten Kontinents. Nach dem Krieg lag Europa in Trümmern. Heute legt die Europäische Union Zeugnis ab für die politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Errungenschaften, die wir uns durch dieses gemeinsame Integrationsprojekt erarbeiten konnten.

Sehr verehrte Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger,
In Ihren jeweiligen Fachgebieten verkörpern Sie diese Errungenschaften des europäischen Kontinents der letzten 50 Jahre. Mit unserer Einladung an Sie möchte das Europäische Parlament den wissenschaftlichen, intellektuellen und kulturellen Erfolgen Europas sowie dem Beitrag der Europäischen Union für eine friedlichere Welt die Ehre erweisen.

Ich möchte Sie alle in diesem Haus sehr herzlich willkommen heißen und tue dies, da Ihre Leistungen und Erfolge keine andere Reihung erlauben, in der zeitlichen Abfolge, in denen Ihnen die Nobelpreise zuerkannt wurden:

Frau Mairead Corrigan und Frau Betty Williams,
Sie haben 1976 zusammen den Friedensnobelpreis für Ihren Versuch, die verfeindeten Religionsgemeinschaften in Nordirland miteinander zu versöhnen, erhalten. Versöhnung war Ihnen ebenso wie einst Robert Schuman Triebfeder Ihres besonders mutigen Einsatzes gegen sinnlose Gewalt – den Sie bis heute im Kampf für die Menschenrechte weltweit fortführen.

Herr Dick Oosting,
Sie vertreten hier Amnesty International, das 1977 den Friedensnobelpreis für die weltweite Unterstützung von Opfern von Menschenrechtsverletzungen, vor allem von Gewissensgefangenen, erhalten hat. Der Mensch und seine Würde stehen im Mittelpunkt Ihrer Organisation ebenso wie im Zentrum unserer europäischen Wertegemeinschaft.

Eine besondere Ehre ist es mir, heute Herrn Präsident Lech Wałęsa
als Friedensnobelpreisträger des Jahres 1983 für seinen Kampf für die Menschenrechte und seine Arbeit als Vorsitzender der unabhängigen polnischen Gewerkschaft Solidarność begrüßen zu dürfen.

Der Freiheitswille der Polen und der anderen Völker Mittel- und Osteuropas, der Kampf der Solidarność , die geistig-moralische Kraft von Johannes Paul II. und die Weitsicht von Michail Gorbatschow, den Freiheitswillen der Völker zu respektieren, waren einige der Ursachen, warum zum Ende des 20. Jahrhunderts die Überwindung der Teilung Europas möglich wurde.

Ich war vergangene Woche in Warschau, um an den Feierlichkeiten der ersten Verfassung in Europa, der 1791 geschriebenen Verfassung der beiden Nationen Polen und Litauen, teilzunehmen. In der gemeinsamen Erklärung der Parlamente beider Länder zu diesem Anlass heißt es: „Die Freiheit der Völker, Frieden und Demokratie bleiben die höchsten Werte für kommende Generationen „. Es heißt weiter: „Die Treue zu den in der ersten geschriebenen Verfassung enthaltenen Werten bedeutet heute Mitverantwortung für die Zukunft eines vereinten und starken Europa“. Das ist ein schönes Bekenntnis zu unserer gemeinsamen Zukunft.

Ich begrüße Professor Carlo Rubbia,
der 1984 den Nobelpreis für Physik erhalten hat für seinen entscheidenden Einsatz bei dem großen Projekt, das zur Entdeckung der Feldpartikel W und Z, Vermittler schwacher Wechselwirkung, geführt hat. Die Physiker werden verstehen, worum es sich handelt.

Frau Professorin und Senatorin Rita Levi-Montalcini:
Seit 1986 Nobelpreisträgerin für Medizin für Ihre Entdeckung des Nervenwachstumsfaktors, sind Sie auch die Doyenne d’âge der Nobelpreisträger. Seit Jahrzehnten wirken Sie für die Wissenschaft und widmen sich in der Krebsforschung einer der bedeutendsten Herausforderungen im Gesundheitswesen.

Herr Jack Steinberger:
Sie haben 1988 den Nobelpreis für Physik für Ihre grundlegenden Experimente über Neutrinos – schwach wechselwirkende Elementarteilchen mit verschwindender oder sehr kleiner Ruhemasse – erhalten.
Sie haben sich auch intensiv für die Abrüstung engagiert.

Professor Reinhard Selten:
Sie haben 1994 den Nobelpreis für Wirtschaft für die grundlegende Analyse des Gleichgewichts in nicht-kooperativer Spieltheorie erhalten. Und Sie sind – so höre ich – ein großer Verfechter des Esperanto.

Herr Paul Crutzen,
der 1995 den Nobelpreis für Chemie für seine Arbeit im Bereich der Chemie der Atmosphäre und für die Forschung zum Ozonloch erhielt. Sie haben eine Botschaft stets betont: Der Mensch selbst verursacht erhebliche Umweltschäden und beeinflusst Klima und Atmosphäre. Beim Ozonloch hat die internationale Zusammenarbeit eine Verringerung des Problems erreicht. Ebenso müssen wir auch heute einer globalen Bekämpfung des Klimawandels höchste Priorität verleihen.

Ich möchte auch besonders Herrn John Hume,
den ehemaligen Vorsitzenden der Social Democratic and Labour Party von Nordirland – und ehemaligen Kollegen im Europäischen Parlament
sowie Lord Trimble,
den ehemaligen Vorsitzenden der Ulster Unionist Party, willkommen heißen.

Gemeinsam haben Sie 1998 den Friedensnobelpreis für Ihre Bemühungen um eine friedliche Lösung im Nordirland-Konflikt erhalten. Sie haben mit hohem persönlichem und politischem Risiko für Versöhnung und für eine gewaltfreie, auf Ausgleich und Machtteilung basierende Lösung gekämpft und waren am Karfreitagsabkommen maßgeblich beteiligt.

Ich freue mich mit Ihnen, und wir freuen uns alle: Der gestrige Tag war mit der Wiederherstellung der Dezentralisierung in Nordirland und nach der Einigung über die Machtteilung im Stormont ein Symbol Ihres Einsatzes für eine friedliche Lösung in Nordirland. Lassen Sie mich an dieser Stelle der neuen Regierung meine besten Glückwünsche für eine erfolgreiche Arbeit aussprechen!

Mr Hume, allow me to address you personally. It is a great honour for the President of the European Parliament to remember that we started together in 1979 and we worked together as full members of the Regional Development Committee. We were friends from the first day. I thank you for that friendship.

Weiter begrüße ich Herrn Marinus Veltman,
der 1999 den Nobelpreis für Physik für seine entscheidenden, die Quantenstruktur betreffenden Beiträge zur Theorie der elektroschwachen Wechselwirkung in der Physik erhalten hat.

And last, but not least, Timothy Hunt,
der 2001 den hundertsten Nobelpreis für Medizin für seine Entdeckungen im Bereich der Schlüsselregulatoren beim Zellzyklus erhielt. Ohne diese Entdeckung wäre die moderne Krebsforschung undenkbar. So hat man es mir gesagt.

Sehr verehrte Nobelpreisträger,
Ihre Arbeit und Ihre Erfolge beruhen auch auf einer Vision, einem Blick in die Zukunft. Und so sollten auch wir den 50. Jahrestag der Römischen Verträge zum Anlass nehmen, in die Zukunft zu blicken. Einige von Ihnen werden heute Ihre persönlichen Ansichten über das europäische Aufbauwerk mit uns teilen und ihre Visionen für die Zukunft der Europäischen Union zum Ausdruck bringen.

Darauf freuen wir uns, denn die Europäische Union steht vor großen Herausforderungen, die gemeinsamer Anstrengungen und kreativer Ideen bedürfen. Wir brauchen alle Kräfte und Ideen, um die vor uns liegenden Aufgaben bewältigen zu können.

Lassen Sie mich nur kurz die aus Sicht des Europäischen Parlaments besonders wichtigen Aspekte nennen:
Bildung und Ausbildung müssen höchste Priorität erhalten, zugleich müssen wir einen funktionierenden europäischen Forschungsraum fördern und den europäischen Forschungsrat zu einem Eckpfeiler für Wachstum, Innovation und Wettbewerb entwickeln. Die Europäische Union braucht mehr Patente, mehr Exzellenz in der Forschung, um dem globalen Wettbewerb Stand zu halten.

Im Kampf gegen den Klimawandel und zur Sicherung der Energieversorgung werden intensive Forschung und Investitionen im Bereich der erneuerbaren Energien notwendig sein. Als Europäische Union müssen wir eine Führungsrolle in der Entwicklung einer ambitionierten globalen Zusammenarbeit übernehmen.

Die Europäische Union muss aber auch ihrer Verantwortung für Frieden, Demokratie und Menschenrechte weltweit gerecht werden. Unsere Erfahrungen und unsere gemeinsamen Werte – die Würde des Menschen, die Menschenrechte, die Demokratie, das Recht und die soziale Marktwirtschaft – müssen wir weltweit verteidigen.

Frieden, so haben wir aus unserer eigenen Geschichte gelernt, setzt voraus, dass man bereit ist, Brücken zu bauen. So müssen wir auch heute die Toleranz und den Dialog zwischen Kulturen und Religionen innerhalb Europas sowie über das Mittelmeer hinweg im Nahen Osten, in Nordafrika und in der gesamten Welt fördern. Der am 15. Mai in Brüssel stattfindende Gipfel der drei europäischen Institutionen mit hochrangigen Vertretern der europäischen Kirchen und Religionsgemeinschaften ist eine wichtige Initiative zur Förderung eines besseren Verständnisses füreinander.

Die Globalisierung sollte von uns nicht als Bedrohung, sondern als Chance aufgefasst werden, auf die die Europäische Union die richtige Antwort ist. Nur gemeinsam werden wir dieser Herausforderung begegnen können, dafür aber brauchen wir ein starkes und vereintes Europa.

Wir haben heute eine einzigartige Chance, Freiheit, Einheit und Solidarität in der Europäischen Union voranzubringen. Wir unterstützen daher voll die Bemühungen der deutschen Ratspräsidentschaft, einen Konsens über die Substanz des Verfassungsvertrags einschließlich unserer gemeinsamen Werte zu erzielen, um die notwendigen Reformen bis zu den europäischen Wahlen im Juni 2009 rechtlich verbindlich werden zu lassen!

Lassen Sie mich abschließend sagen: Mitverantwortung, Kompromissbereitschaft und Solidarität stehen seit fünfzig Jahren im Zentrum der europäischen Zusammenarbeit.

* * *
Am vergangenen Sonntag haben Frankreichs Bürgerinnen und Bürger einen neuen Präsidenten gewählt. Mit einer Wahlbeteiligung von 85% hat Frankreich seine demokratische Stärke bewiesen. Dem zukünftigen Präsidenten Nicolas Sarkozy wünschen wir Erfolg für Frankreich und Europa. Segolène Royal und François Bayrou sprechen wir unseren Respekt und unsere Anerkennung aus.

In der Welt von heute können wir unsere Werte und Interessen nur gemeinsam verteidigen. Darum ist die europäische Einigung eine Notwendigkeit, denn nur wenn wir alle solidarisch handeln und uns als europäische Familie begreifen, wird die Europäische Union eine gute Zukunft haben.

Lassen wir uns inspirieren durch den Mut der Gründungsväter und durch Sie, sehr verehrte Damen und Herren Nobelpreisträger, die Sie so sehr zu den europäischen Errungenschaften der letzten 50 Jahre beigetragen haben, damit auch wir den Mut zu einem neuen Aufbruch finden!

Liebe Kolleginnen und Kollegen!
In Ihrer aller Namen möchte ich unseren Gästen, den Damen und Herren Nobelpreisträgern, herzlich danken dafür, dass sie heute in dieser feierlichen Sitzung bei uns waren. Sie haben uns Mut gegeben, unsere europäische Arbeit fortzusetzen. Sie haben Wissenschaft, Frieden, Demokratie und Menschenrechte in den Mittelpunkt gestellt. Das ist unsere Aufgabe für die Zukunft in einem geeinten, freien, demokratischen Europa.

Ich darf Sie bitten, sich von den Plätzen zu erheben, damit wir die feierliche Sitzung mit der Europahymne abschließen.

  • Veröffentlicht in: Reden

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