„Die christlichen Grundwerte Europas“

Dankesrede anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Oppeln (Polen)

Sehr geehrte Damen und Herren,

Die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Oppeln ist eine große Ehre für mich. Ich danke Ihnen dafür von ganzem Herzen und aus innerer Überzeugung. Ich stehe heute vor Ihnen als Präsident des Europäischen Parlaments, Ihres Parlaments in der Europäischen Union. Wir begegnen uns als Bürgerinnen und Bürger unserer gemeinsamen Europäischen Union. Wir sind gemeinsam auf dem Weg in eine hoffentlich gute Zukunft unseres in der Geschichte oft leidvoll gespaltenen und verwundeten Kontinents. Ich nehme die große Auszeichnung, die Sie mir verliehen haben an, indem ich Sie meinerseits des allergrößten Respekts, meiner Achtung Ihrer wegweisenden Arbeit und meiner besten Wünsche für eine gedeihliche Zukunft der Universität Oppeln versichere.

Bitte gestatten Sie mir, jetzt in meiner Muttersprache fortzufahren.

Es ist mir ein persönliches Anliegen, Erzbischof Alfons Nossol sehr herzlich zu danken und meine Hochachtung auszusprechen. Erzbischof Nossol hat die Gründung Ihrer Universität federführend begleitet und mit Unterstützung bedeutender Persönlichkeiten – namentlich möchte ich Ihren Rektor, Prof. Dr. Stanislaw Slawomir Nicieja, erwähnen – seit 1994 auf eine sehr erfolgreiche Bahn gesetzt.

Damit wurde eine neue Epoche in der geistigen Entwicklung von Oppeln und Oberschlesien eingeleitet. Alfons Nossol hat Zeit seines Lebens Zeugnis dafür abgelegt, den – wie er so unnachahmlich zutreffend geschrieben hat – „hoffnungslosen Teufelskreis einer vergangenheitsorientierten gegenseitigen Schuldaufrechnung zu verlassen“. Zwischen Deutschen und Polen ist eine neue europäische Gemeinschaft entstanden und nirgendwo verspürt man besser als in Oberschlesien, was dies heißt und wie wertvoll dieser Neubeginn ist.

Erzbischof Nossol ist einer der meistgeachteten Motoren der deutsch-polnischen Versöhnung. Ein im christlichen Glauben verwurzelter Universalismus muss vor unserer jeweiligen Nation Geltung haben – das war und ist sein Maßstab, der wie so viele Andere auch mich berührt und führt.

Es ist für mich ebenso erfreulich wie verpflichtend, gerade heute und an diesem Ort von Ihnen geehrt zu werden.
Ich bekenne mich mit großer Leidenschaft zur Aussöhnung und Freundschaft zwischen Polen und Deutschen. Nach den furchtbaren Leiden, die dem polnischen Volk im Namen eines verbrecherischen totalitären deutschen Regimes angetan wurden, gehört das Werk der Aussöhnung und Freundschaft zwischen Polen und Deutschen zu den großen, wenngleich noch keineswegs vollendeten Wundern der letzten Jahrzehnte.

Dass heute Europa wiedervereinigt ist, verdanken wir alle in Europa in sehr erheblichem Masse dem Freiheitswillen des polnischen Volkes und der europäischen Bestimmung Polens. Dass Polen und Deutsche sich nach allem was geschehen ist, aufmachen konnten zu einem gemeinsamen Weg, begann mit dem Großmut und der Weitsicht der polnischen Bischöfe.

„Wir gewähren Vergebung und wir bitten um Vergebung“. Dieser berühmte Satz des Briefes der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Bischofsbrüder vom 18. November 1965 hat auch mich damals unmittelbar angesprochen und bewegt.
Der Geist der Versöhnung, der von den polnischen Bischöfen ausging, hat Berge versetzt. Er wurde zum Maßstab für Aussöhnungsprozesse schlechthin. Denn der Brief der polnischen Bischöfe öffnete neue Wege. Er befreite aus der Enge alter Ängste und Vorurteile. Der Aufbruch zur Versöhnung stand Mitte der sechziger Jahre in einem kirchenpolitischen Kontext, dem Zweiten Vatikanischen Konzil.
Ebenso steht heute der Fortgang des deutsch-polnischen Weges in einem uns verbindenden Kontext, der Einigung Europas. Deshalb müssen wir, Deutsche wie Polen, uns heute wieder aufs Neue der großen Vision erinnern, der wir zustreben.

Es ist besorgniserregend, dass die katholischen Bischöfe Polens und Deutschlands im Herbst 2006 vor einem neuen „Ungeist des Aufrechnens“ warnen mussten. Sie blickten dabei in unsere beiden Länder. Vielerlei Animositäten und Dispute der letzten Jahre haben sich zu einer unrühmlichen Liste polnisch-deutscher Irritationen addiert. Das darf nicht so weitergehen. Das Anliegen, das die Bischöfe in der Erinnerung an den berühmten Brief von 1965 formuliert haben, ist klar:
Nur gemeinsam können Polen und Deutsche heute nach Europa aufbrechen und die große Chance unserer Zeit nutzen.

In ihrer Erklärung vom Herbst 2006 bekennen sich die Bischöfe Polens und Deutschlands dazu, sich „mit aller Kraft für die Versöhnung zwischen Deutschen und Polen einzusetzen“.
Ich bekenne mich ebenfalls zu dieser Aufgabe. Gemeinsam stehen heute gerade die Christen Polens und Deutschlands vor den gleichen Herausforderungen: an Ehe und Familie, an den Lebensschutz und die Aufgaben medizinischer Ethik. Nur im Geist der Versöhnung und der Freundschaft werden wir miteinander vor diesen und allen anderen europäischen Anliegen bestehen. Der Weg zurück in Illusionen und der Blick zurück in die Zeit des Hasses darf nie und niemals unsere Entscheidung sein. Sonst würden wir das Werk des geschichtlichen Neubeginns und den Maßstab für den Abschied von Vorurteilen und Ressentiments, den die Bischöfe unserer beiden Länder zu Recht definiert haben, verraten. Das ist meine persönliche Überzeugung, es ist die Überzeugung der allermeisten meiner Kollegen im Europäischen Parlament und es ist, davon bin ich zutiefst überzeugt, das Anliegen der meisten Menschen in Polen und in Deutschland.

Wir kommen zusammen nur wenige Tage, bevor auf einem Sondergipfel der Europäischen Union des 50. Jahrestages der Unterzeichnung der Römischen Verträge erinnert wird. Die Präsidenten des Europäischen Rates, der Europäischen Kommission und des Europäischen Parlaments werden am 25. März 2007 in Berlin eine Erklärung unterzeichnen, mit deren Hilfe wir dem europäischen Einigungswerk wieder zu neuem Aufbruch verhelfen wollen.

Von der „Berliner Erklärung“, die eine „Erklärung für die Zukunft Europas“ sein muss, soll für mich – und ich weiß, dass viele Unionsbürger diesen Wunsch teilen – die Botschaft ausgehen, dass die Europäische Union in ihrem Kern eine Wertegemein-schaft ist. Die Europäische Union ist nicht alleine ein wirtschaft-licher Zweckverband. Es geht nicht nur um ökonomische Kalkulationen von Kosten und Nutzen, um Binnenmarkt und Euro-Kriterien. Dies alles ist wichtig und wird weiterhin unser Leben in der EU beeinflussen. Aber wir haben jetzt die große Verpflichtung und Chance, für neue, nachwachsende Generationen und für viele, die in jüngster Zeit Zweifel an der Idee Europa beschlichen haben, deutlich zu machen, was der eigentliche Auftrag, der eigentliche Anspruch der europäischen Einigung ist: Wir wollen Europa als Wertegemeinschaft erneuern.

Die hohe Auszeichnung der Universität Oppeln möchte ich dazu nutzen, Ihnen den Kern meines Verständnisses von der europäischen Wertegemeinschaft darzulegen: Im Mittelpunkt aller Politik in Europa muss die Würde jedes einzelnen Menschen stehen. Was dies konkret heißt, lässt sich – so meine ich – kaum besser darlegen als beim Blick auf den Beitrag Schlesiens zu unserem gemeinsamen Europa.
Schlesien und Europa – das ist eine enge Wesensverwandtschaft, bei der das eine das andere stets durchdrungen hat, im Guten wie im Schlechten.

Schlesien war stets Brennglas, Sinnbild und Motor der Wertegemeinschaft, die wir heute in Europa mit neuem Leben füllen wollen. Die Transformation unserer historischen Regionen und der Nationen, in denen wir auch weiterhin leben werden, hin zu einem geeinten Europa hat eine lange Vorgeschichte. Sie ist häufig gegen die bitteren Erfahrungen unserer früheren Geschichte gewachsen. Zugleich ist sie seit den Anfängen Europas als dem Wurzelgrund der christlich-jüdischen Kultur Maßstab und Antrieb der Gesellschaften unseres Kontinents.

An einigen wenigen Prinzipien und Leitbildern möchte ich verdeutlichen, wie ich dies meine:
• Identität: Wir wollen das Wesen unserer Existenz, unsere Sprachen, Traditionen und Eigenheiten bewahren, denn sie prägen unsere unmittelbare Heimat. Nur wo wir stark sind in dem uns Eigenen, kann Mitverantwortung – „Mitleidensfähigkeit“, wie Erzbischof Nossol dies einmal formuliert hat – wachsen. Schlesien war immer stark im Eigenen. Schlesien ist Ausdruck mehrerer Dimensionen der kulturellen Prägung, die unterdessen glücklicher-weise miteinander versöhnt sind: Die polnische, die deutsche und die böhmisch-mährische Kultur gehören gemeinsam zu Europa. Sie haben sich stets gegenseitig bereichert und erst in der wechselseitigen Anerkennung bezeugen sie die Identität von Schlesien. Ebenso ist es in vielen anderen Regionen Europas, vor allem in den Grenzregionen.

• Nationalität: Um den Preis schlimmer Leiden und tragischer Opfer politischer Gewalt konnte auch in Schlesien der Nationalismus überwunden werden. Die furchtbaren Zerstörungen, trafen in der Mitte des 20. Jahrhunderts auch Schlesien in besonderem Maße. Am Ende aber sind wir nicht gelähmt geblieben, sondern haben miteinander aus den schlimmen Leiden des 20. Jahrhunderts gelernt. Es ist für viele immer noch ein Wunder, aber es ist wahr geworden: In der Freiheit haben Polen, Deutsche und Tschechen sich in der Europäi-schen Union als Partner, oft als Freunde gefunden. Unsere Völker haben sich über der Schuld der Geschichte versöhnt. Wir haben gelernt, den Grenzen ihren trennenden Charakter zu nehmen. Wir haben Grenzen durch Freiheit überwunden. Erst nach der Überwindung des Kommunismus war es möglich, wie Wladislaw Bartoszewski, dieser große polnische Patriot und Europäer, am 28. April 1995 vor dem Deutschen Bundestag gesagt hat, auf das „Schicksal“ und das „Drama“ der Menschen hinzuweisen, die gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen – sei es Vilnius und Lemberg oder Breslau und Stettin.

• Solidarität: Das Gefühl des sozialen Zusammenhaltes ist in Schlesien stets ein ausgeprägter Wesenszug gewesen. Ganz Europa hat bewundert, wie in den achtziger Jahren in Schlesien und in ganz Polen „Solidarität“ auf ganz neue Weise moralische Autorität und politische Macht wurde. Das Lebenswerk von Papst Johannes Paul II. und von Lech Walesa werden in ihrem Beitrag für Glaubenszeugnis, Solidarität und Freiheit niemals in Europa vergessen werden. Mit diesen großen Europäern haben viele, viele Millionen Polen die Tür zu einer neuen, solidarischen Freiheit auf unserem Kontinent aufgestoßen. Erst im wahrhaften Miteinander können wir überall in der EU die Fesseln ablegen, die uns noch immer wechselseitig als Fremde erscheinen lassen. Wir sind und bleiben verschieden in Europa, aber wir sind geeint in dem Wunsch nach Solidarität und gesellschaft-licher Integration.

• Freiheit: Schlesien ist heute frei, weil die Heimat seiner Menschen geliebt werden kann ohne dass jemand Anderem das gleiche Recht streitig gemacht würde. Europa hat verstanden, dass die wahre Freiheit in der wechselseitigen Anerkennung der Vielfalt liegt. Toleranz ist nicht Beliebigkeit, sondern Respekt vor dem Anderssein, in dem wir selber geachtet werden wollen. Als freie Menschen erleben wir die Kraft dieser Vielfalt und bleiben doch dort verwurzelt, wo wir uns zu Hause fühlen. Freiheit ist die Bedingung eines wahrhaft gelebten Friedens und darin zentral für die europäische Wertegemeinschaft.

• Religion: Bei allen Anzeichen der Säkularisierung und bei allem Respekt vor dem Laizismus ist die Kraft des christlichen Glaubens doch der wichtigste Kitt geblieben, der Europas Gesellschaften zusammenhält. In Schlesien hat man immer gewusst, dass Religion der Weg zur Freiheit ist und dass Glaube und Vernunft kein Widerspruch sind. Beide gehören zusammen, als Glaube an den einen Gott, dem die Schöpfung ihre Existenz zu danken hat und auf den wir uns mit dem Hinweis auf die Gottesebenbildlichkeit des Menschen berufen, wenn wir die tiefste Begründung für die Menschenwürde benennen möchten. Auch als Wertesystem ist das Christentum in Europa wichtig, um –mit Erzbischof Nossol zu sprechen– „die unberechenbare Moderne vor ihrer Selbstzerstörung zu retten“. Diese Bedeutung des Christentums und unserer jüdisch-christlichen Traditionen sollten wir zu keinem Zeitpunkt unterschätzen, wenn wir über die Zukunft Europas nachdenken.

• Dialog der Kulturen: In Schlesien weiß man besser als an vielen anderen Orten, was es heißt, die Vielfalt kultureller und konfessioneller Prägungen zum Vorteil aller hier lebenden Menschen zu nutzen. In der Europäischen Union sind wir miteinander heute gefordert, nicht nur die Vielfalt der nationalen Kulturen zu pflegen und die christliche Ökumene zu fördern. Diese Aufgaben sind schon groß, wichtig und schön genug. In ganz neuer Weise sind wir heute gefordert, den Dialog zwischen den großen Weltreligionen und zwischen den Kulturen zu gestalten. Dies ist keine leere Formel, sondern geradezu die Bedingung für eine friedliche Zukunft zwischen Europa und seinen arabischen Nachbarn. Wo immer Christen, Muslime und Juden sich in einem wahrhaftigen, offenen und, wo nötig, kritischen, zugleich von Achtung und gegenseitigem Respekt getragenen Gespräch begegnen, säen sie Körner des Friedens.

• Politik für den Menschen: Ich persönlich, wie Sie wissen, fühle mich einer Politikgestaltung verpflichtet, die aus christlicher Verantwortung vor Gott und den Menschen dazu beiträgt, die Würde des Menschen, eines jeden Menschen zu schützen und zu stärken. Es ist zutiefst meine Überzeugung: Die Größe einer Nation und eines Volkes zeigt sich darin, wie Minderheiten geschützt werden. Jeder Mensch, und sei er noch so anders als die Mehrheit, hat – wenn wir die Würde des Menschen ernst nehmen – Anspruch auf Respekt. Dieses Selbstverständ-nis in der Begründung unserer Politik wird nicht von allen geteilt. Aber wir alle sind uns einig darin, dass die Würde des Menschen oberster Maßstab sein muss. Dies ist der Kern meines politischen Programms und es ist der Kern des Anliegens, durch das die Universität Oppeln die Entwicklung Schlesiens auch in den vor uns liegenden Jahrzehnten bereichern und zum Guten wandeln wird.

Dieses, meine sehr verehrten Damen und Herren, sind für mich die zentralen Kategorien des Werteverständnisses, wie wir sie in der Europäischen Union leben. Es sind Anliegen, die in Schlesiens reicher und vielschichtiger Geschichte angelegt sind und denen sich die Universität Oppeln in exzellenter Weise verpflichtet weiß.

Wir müssen überall in der EU deutlich machen, dass wir als Wertegemeinschaft zusammengehören und zusammen arbeiten. Die Wissenschaft leistet dazu an vielen Orten der EU eine hervorragende Arbeit. Dies ist aber nicht allein eine theoretische Aufgabe. Es ist zugleich eine Sache des Herzens, Europa als Wertegemeinschaft zu erfassen. Erzbischof Nossol hat auch mich gelehrt, dass der Kern der schlesischen Identität in der „Harmonie von Gedanken und Herz“ liegt. In dieser Harmonie von Gedanken und Herz, so möchte ich Anleihe nehmen bei seinem Denken, können wir auch den Kern der Idee von Europa als Wertegemeinschaft verstehen.

Deshalb hat die derzeitige Präsidentin des Europäischen Rates, Bundeskanzlerin Angela Merkel, vor kurzem vor dem Europäischen Parlament dazu aufgerufen, Europa eine Seele zu geben; ich würde sogar sagen: wir müssen Europas Seele wiederentdecken!

Dies hat konkrete Folgen, denn wir streben nicht nach den Werten um ihrer theoretischen Reinheit willen. Ich möchte, dass die Werte, mit denen Europa sich identifiziert, auch gelebt werden:
• Deswegen setze ich mich im Europäischen Parlament für die Wahrung der Regionen und ihrer Identität in der Europäischen Union ein.

• Deswegen bejahe ich das Subsidiaritätsprinzip, das politische Entscheidungen auf der Ebene belässt, wo sie am nächsten bei den Menschen gefällt werden können.

• Deswegen bin ich für den Ausgleich zwischen den ärmeren und leistungsstärkeren Regionen in der EU, damit der soziale Zusammenhalt und die Solidarität zwischen den Unionsbürgerinnen und Unionsbürgern wächst.

• Deswegen bin ich für die Freiheiten, die der europäische Binnenmarkt bietet, damit sich die Menschen in Europa entfalten können, so wie sie es für richtig halten und wie es ihren individuellen Talenten und Anlagen entspricht.

• Deswegen bin ich für den Respekt vor der Religion und für die öffentlich anerkannte Stellung der christlichen Kirchen, weil darin die unersetzbare Bedeutung der Religion für die Kultur Europas und für unsere Werteorientierung zum Ausdruck kommt.

• Deswegen plädiere ich mit Leidenschaft für den Dialog der Kulturen, weil nur so das friedliche Zusammenleben der Bevölkerungen innerhalb der EU und zwischen uns und unseren Nachbarn in der Welt gelingen kann.

• Deswegen möchte ich, dass die Substanz des Europäi-schen Verfassungsvertrages, der unterdessen neben dem Europäischen Parlament von 18 Mitgliedsländern der EU ratifiziert worden ist, erhalten bleibt und rasch Realität für die Arbeitsstrukturen der EU werden wird. Ich bin sicher, dass sich darin auch die übergroße Mehrheit der polnischen Bürgerinnen und Bürger mit ihren spezifischen Anliegen wieder finden kann. Das Europäische Parlament wird seinen ganzen Einfluss nutzen, um daran mitzuwirken, dass die EU bis zur nächsten Wahl des Europäischen Parlaments im Juni 2009 neue Vertragsgrundlagen sowohl hinsichtlich der notwendigen Reformen als auch der Verankerung unserer gemeinsamen Werte haben wird.
Damit diese Neubegründung der Europäischen Union als einer Wertegemeinschaft gelingen kann und von den Menschen überall in Europa angenommen wird, sind Sie, liebe Studie-rende der Universität Oppeln, so wichtig! Denn Sie werden Europa weit in das 21. Jahrhundert hinein weitergestalten. Es ist Ihr Europa, in dessen Freiheit Sie sich bewähren müssen.

Als die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft 1958 durch die Römischen Verträge vom 25. März 1957 gegründet wurde, war ich 12 Jahre alt. Persönlich habe ich die Schrecken des Krieges nicht erlebt, doch wie alle war auch ich von den Folgen des Krieges betroffen. Im September 1945 geboren, habe ich meinen Vater nie kennenlernen können, denn er ist kurz vor meiner Geburt, im März oder April 1945 im Osten Deutsch-lands, der heute der Westen Polens ist, als einfacher Soldat gefallen.

Wahrscheinlich auch deswegen ging ich schon zu Jugendzeiten daran, mich für die europäische Einigung zu engagieren. Von Anfang an war dies für mich ein Projekt des Friedens und der Versöhnung, gerade zwischen Deutschen und Polen.

Mein akademischer Doktorvater an der Universität Bonn, Hans-Adolf Jacobsen, hat sich seit den sechziger Jahren mit Leidenschaft der deutsch-polnischen Aussöhnung verschrieben. Später schrieb Professor Jacobsen einmal, dass dieses Werk der Aussöhnung nur gelingen werde, „wenn die Bürgerinnen und Bürger beider Staaten es voll akzeptieren und dies durch ihr stetiges Engagement in Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft beweisen.“

Und Professor Jacobsen fügte hinzu: „Das erfordert zugleich, entsprechend den europäisch-demokratischen Normen zu denken und zu handeln.“ Weil dies so wichtig ist, war die europäische Einigung für mich immer ein politisches Projekt, in dem die Stimme der Bürgerinnen und Bürger des freien und geeinten Europa Ernst genommen wird. Deshalb setze ich mich weiterhin für die volle Gleichberechtigung des Europäischen Parlaments unter den europäischen Institutionen ein.

Heute, 50 Jahre nach Unterzeichnung der Römischen Verträge, erfüllt es mich mit Dankbarkeit, wie sehr Europa sich als Friedensordnung bewährt hat und wie weit die europäische Einigung gekommen ist. Für viele von Ihnen und für viele in der Generation Ihrer Eltern war die Überwindung der kommunistischen Diktatur der Beginn einer neuen Zeit.

Seit dem 1. Mai 2004 ist Polen Mitglied der Europäischen Union. Wir sind noch immer miteinander inmitten eines Neubeginns. Wohin er die EU in den nächsten fünf Jahrzehnten führen wird, können wir nicht vorhersagen. Aber es hängt auch von Ihrem ganz persönlichen inneren Antrieb für die Idee Europas ab, wie über die Richtung dieses Weges entschieden wird. Ich hoffe aufrichtig, dass Polen und seine Regierung immer im Geiste seines größten Sohnes, unseres verstorbenen Papstes Johannes Paul II, der so viel für unser gemeinsames Europa bewirkt hat, engagiert sind und die Einigung unseres Kontinents mit Herz und Verstand fördern.

Europa als Wertegemeinschaft mit Leben zu erfüllen und zu gestalten – das könnte, so meine ich, der wegweisende Impuls sein, die neue Begründung für die weitere Entwicklung der europäischen Einigung. Ich würde mir jedenfalls wünschen, wenn diese Idee Ihre Generation mitreißen könnte, mitzuwirken am weiteren Aufbau Europas.

Wladislaw Bartoszewski hat schon vor vielen Jahren, noch vor dem Ende der kommunistischen Herrschaft und der Überwindung des Ost-West-Konfliktes, eine große Vision gezeichnet, die er mit dem Bild von Europa als Wertegemeinschaft verband. Professor Bartoszewski schrieb bereits 1986: „Wir brauchen so etwas wie einen europäischen Patriotismus, das heißt: erstens die Verbundenheit mit der geistigen und kulturellen Tradition des eigenen Volkes; zweitens das Mitgefühl mit den Nachbarvölkern; dritten mit der ganzen Menschheit.“

Er fügte hinzu, dass es gewiss ein langer Weg sei hin zu einem europäischen Patriotismus. Aber die Vision fasziniert auch mich. Eine solche Entwicklung gründet in der Freiheit und der durch sie bedingten Vielfalt. Wir verfolgen unsere Interessen und Ziele, als Einzelne, als Gruppen, als Völker. Das ist legitim und der Antrieb für unser Streben nach Wohlstand, nach Sicherheit unserer Familien, nach Erfolg und für den Fortschritt unserer Völker. Aber es bedarf auch der Rahmenordnung, in der wir uns bewegen, auf die wir unser individuelles und gemeinschaftliches Handeln beziehen.

Als Rechtsgemeinschaft, vor allem aber als Wertegemeinschaft bietet die Europäische Union uns einen solchen Rahmen. Wir müssen diese Ordnung auch wieder den Herzen der Menschen in Europa erschließen. Das ist die große Chance Ihrer Generation. Ich meine, es ist auch Ihre Aufgabe.

Ich fühle mich mit Ihnen in dieser Aufgabe verbunden. Darum möchte ich, dass von der „Berliner Erklärung“, die ich in wenigen Tagen mitunterschreiben werde, eine klare Botschaft ausgeht: Die Europäische Union ist die Union seiner Bürgerinnen und Bürger. Sie ist nicht nur eine Sache des Verstandes, sondern auch des Herzens. Sie verkörpert unsere Werte von Demokratie, Freiheit und Solidarität, vor allem schützt sie die Würde des Menschen. Wir wollen das Gefühl der Zugehörigkeit zur EU stärken. Das gelingt nicht durch eine einzelne politische Erklärung und nicht durch einen politischen Willensakt. Es bedarf des Vertrauens der Europäerinnen und Europäer in den langfristigen Nutzen der Einigung, im Grossen wie im Kleinen, im Alltag wie in Bezug auf die Rolle Europas in der Welt. Es bedarf vieler Impulse und vieler Wege. Wir in der Politik müssen auf transparente Weise Beiträge für ein besseres Europa leisten.

Sie in der Wissenschaft haben viele Möglichkeiten zu informieren und zu interpretieren, warum Europa die EU braucht und wie sie noch besser werden kann. Wir alle als Bürger müssen die EU als unsere eigene Europäische Union annehmen. Wo immer wir dazu beitragen, dass solches Vertrauen in den Wert und in die Werte der europäischen Einigung wächst, werden wir den besten Traditionen gerecht, denen wir es verdanken, dass wir heute hier versammelt sind.

Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für die ehrenvolle akademische Auszeichnung. Gerne bin ich einer der Ihren.

  • Veröffentlicht in: Reden