Rede von Hans-Gert Pöttering Vorsitzender der EVP-ED-Fraktion im Europäischen Parlament am Donnerstag, 1. September 2005 in Danzig

Rede von

Prof. Dr. Hans-Gert PÖTTERING MdEP
Vorsitzender der EVP-ED-Fraktion im Europäischen Parlament

bei der Vorstandssitzung der EVP-ED-Fraktion
in Danzig am Donnerstag, 1. September 2005

Es ist mir eine große Freude und eine besondere Ehre, Sie alle zu unserer gemeinsamen Fraktionsvorstandssitzung hier in Danzig willkommen zu heißen. Danzig ist eine Stadt mit besonderer Bedeutung für die europäische Geschichte. Ich danke allen unseren Gastgebern und denen, die an der Vorbereitung mitgewirkt haben.

In Danzig befinden wir uns auf historischem Boden. Die Geschichte dieser Stadt ist so wechselhaft wie die Geschichte Europas. Sie erlebte Höhen und Tiefen, Krieg und Frieden, Unterdrückung und Freiheit, Kommunismus und Demokratie.

Die Wurzeln dieser traditionsreichen Stadt reichen lange zurück – 1997 feierte Danzig sein tausendjähriges Jubiläum. Ihre Zugehörigkeit zur Hanse seit dem 14. Jahrhundert machte Danzig zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum in Europa. Ein polnischer Dichter nannte Danzig den „alten Löwen der mächtigen Hanse“ und beschrieb damit die besondere Ausstrahlung und Bedeutung dieser Stadt. Verschiedene Nationalitäten, Kulturen, Religionen und Sprachen trafen schon damals in Danzig zusammen und sorgten für eine große internationale Tradition.

Hinter den Stadtmauern dieser reichen und mächtigen Stadt wurde eine einzigartige Gemeinschaft der Vielfalt gelebt. Danzig kann also Vorbild für alle Europäer sein, wenn wir die „Einheit in Vielfalt“ für das vereinte Europa von heute anstreben.

Mit Danzig sind Licht und Schatten der europäischen Geschichte verbunden. Zu den dunklen Tagen gehört der 1. September 1939, als in der Morgendämmerung an der Westerplatte die ersten Schüsse des Zweiten Weltkrieges fielen. Hier hat der verbrecherische Angriffskrieg des nationalsozialistischen Deutschlands begonnen. Wir werden diesen Ort heute Nachmittag besuchen.

Der Zweite Weltkrieg brachte unermessliches Leid über Danzig. Er hinterließ schreckliche Spuren. 1945 lag Danzig verwüstet in Schutt und Asche. Doch die Danziger wurden ihrem Ruf als zähe, ja ungehorsame Menschen gerecht. Sie bauten Ihre Stadt wieder auf und unter dem Totalitarismus des kommunistischen Regimes Polens galt Danzig als Inbegriff der polnischen Freiheitsbestrebungen.

In diesen Tagen denken die Polen und alle Europäer an den „Danziger August“ des Jahres 1980. Deswegen sind wir ja hier. Die Ereignisse werden heute von Historikern als Anfang vom Zerfall der europäischen Nachkriegsordnung betrachtet. Wer ahnte an jenem 14. August 1980, als der Streik in der Danziger Werft ausbrach, dass diese Bewegung für ganz Polen und bald für den durch die kommunistische Diktatur unterdrückten Teil Europas den Weg zur Freiheit öffnen würde?

Es schien wie ein Kampf „David gegen Goliath“. Die einfachen Arbeiter probten den Aufstand gegen die kommunistische Staatsmacht, hinter dem sich die damalige Weltmacht Sowjetunion verbarg. Unter der Führung von Lech Walesa widersetzten sich die Arbeiter der Regierung. Es ist mir eine große Freude, dass wir heute Vormittag den Friedensnobelpreisträger und ehemaligen Präsidenten Polens, Lech Walesa, als Gast begrüßen dürfen.

Die Solidarnosc Anhänger wurden von den Danziger Bürgern und führenden polnischen Intellektuellen unterstützt. Priester hielten heilige Messen auf dem Werftgelände, Künstler gaben den erschöpften Streikenden neuen Mut zum Durchhalten.

Die wichtigste Unterstützung erhielten die Demonstranten aus dem Vatikan, wo ihr Landsmann Papst Johannes Paul II. allen Polen seine nachdrückliche Unterstützung zusicherte. Mit seinen Worten „Habt keine Angst, verändert das Antlitz dieser Erde“ hatte er allen Polen Mut gemacht zum Kampf gegen die Unterdrückung durch das kommunistische Regime. Johannes Paul II. mischte sich ein und bezog Position für die Demonstranten und Solidarnosc. Damit leistete er einen entscheidenden Beitrag zum Sturz des Kommunismus in Polen und Europa. Es war mir eine große Ehre und wird mir immer unvergessen bleiben, dass ich am 30. November 2004 Papst Johannes Paul II. – wenige Monate vor seinem Tod – in seiner Privatbibliothek die Robert-Schuman-Medaille der EVP-ED-Fraktion überreichen durfte, um seine Verdienste für die Einigung unseres Kontinents in Frieden und Freiheit zu würdigen.

Auch aufgrund der Unterstützung des Papstes griffen die Danziger Massenstreiks auf andere polnische Städte über. Den Streikenden gelang das bis dahin unvorstellbare: Das kommunistische Regime Polens wurde gezwungen, im „Danziger Abkommen“ die erste unabhängige Gewerkschaft zuzulassen. Heute vor 25 Jahren setzte sich der Wille nach Freiheit durch gegen die unterdrückende Staatsmacht. Die polnische Regierung gestand den Arbeitern das Recht auf eine unabhängige Gewerkschaft zu, kurz später wurde „Solidarnosc“ offiziell gegründet.

Ort und Zeitpunkt dieses Treffens sollen uns an diese wahrhaft historischen Ereignisse erinnern, uns den Mut und den unerschütterlichen Willen dieser Freiheitskämpfer neu vor Augen führen.

Meine Damen und Herren, diese Tage sind nicht nur für Polen von historischer Bedeutung, sondern für ganz Europa. Solidarnosc hat die Kugel ins Rollen gebracht, die schließlich bis zum Fall des Eisernen Vorhangs 1989 führte. Ohne Solidarnosc wäre die Einheit Deutschlands am 3. Oktober 1990 nicht möglich gewesen. In diesem Zusammenhang freut es mich ganz besonders, dass wir hier heute und morgen auch mit unseren Freunden aus den neuen Nachbarstaaten der Europäischen Union zusammen treffen.

In Polen haben die Bürgerinnen und Bürger „Nein“ gesagt. Dies verdient bis heute unseren großen Respekt. Niemand konnte damals sagen, wie die kommunistische Staatsmacht auf diesen Widerstand reagieren würde. Zu Recht gedenkt und feiert Polen in diesen Tagen den 25. Jahrestag dieser Tage. Polen darf stolz sein auf diese Männer und Frauen. Und wir Europäer dürfen dankbar sein für diese mutigen Taten.

Solidarnosc hat den Weg Polens zur Freiheit geebnet. Zehn Jahre später brachen die kommunistischen Systeme in allen osteuropäischen Ländern zusammen. Überall gingen die Menschen auf die Straßen und demonstrierten friedlich für Freiheit und Demokratie. Die Ereignisse des „Danziger Augustes“ dienten diesen Menschen als Vorbild.

Als EVP-ED-Fraktion im Europäischen Parlament teilten und teilen wir die Werte und Ideale dieser Demonstranten. Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind Fundamente der Europäischen Union. Die Solidarität unter den Menschen hat den Widerstand zum Erfolg geführt. Heute ruft uns das Gedenken an diese Ereignisse zu einer „europäischen Solidarität“ auf, um unseren Kontinent noch weiter zusammenzuführen und um die schon entstandenen Brücken zwischen den Staaten weiter zu festigen. Unsere EVP-ED-Fraktion steht für diese „europäische Solidarität“ – innerhalb und außerhalb der Grenzen der Union. Nun, wir hoffen inständig, dass Polen ja sagen wird zur europäischen Verfassung, unserem gemeinsamen Weg in die Zukunft.

Liebe Freunde, meine Damen und Herren, dass heute auch die ehemals unter kommunistischer Diktatur stehenden Staaten zur Europäischen Union gehören, hat seine Wurzeln auch hier in Danzig. Heute ist Europa vereint und wir dürfen eine EVP-ED-Fraktionsvorstandssitzung in Polen durchführen. Wer hätte sich das vor 25 Jahren vorstellen können?

Ich wünsche uns gute und erfolgreiche Tage hier in Danzig. Herzlichen Dank.

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