Rede von Hans-Gert Pöttering Vorsitzender der EVP-ED-Fraktion vor dem Europäischen Parlament am Mittwoch, 11. Mai 2005

1945 – vor sechzig Jahren – Europa ist ein Feld von Ruinen. Ein barbarischer Krieg hat über 55 Millionen Menschenleben gefordert. Millionen und Abermillionen Menschen sind entwurzelt, Millionen auf der Flucht oder vertrieben, Eltern ohne Söhne, Frauen ohne Männer, Kinder ohne Väter. Mein Vater wurde als einfacher Soldat Ende März 1945 vermisst; wie wir erst viel später erfuhren, ist er gefallen; ich habe ihn nie gesehen.

1945 sind viele von Europas Städten verwüstet. Europas Wirtschaft liegt in Trümmern. Weltweit verbreitet der Name “Europa” Furcht und Schrecken. Über die Verantwortlichkeit für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kann kein Zweifel bestehen: das nationalsozialistische Unrechtsregime im Deutschen Reich steigerte seinen Rassenwahn und Machtanspruch zu einem Inferno der Aggression gegen alle anderen Völker Europas. Der Holocaust an den Juden Europas wurde sein schlimmstes Verbrechen. Der nationalsozialistische Totalitarismus führte ganz Europa ins Verderben. Am Ende wurde das deutsche Volk selbst zu einem seiner Opfer. Sieger gab es 1945 gleichwohl nur wenige.

Eher gab es glückliche und unglückliche Überlebende, die einen im Westen, die anderen in der Mitte und im Osten Europas. Im Westen des Kontinents entstand, mit Weitsicht geleitet von amerikanischer Unterstützung, neues Leben in Freiheit, in Respekt vor der Menschenwürde, mit Demokratie und rechtlich gesicherter Marktwirtschaft. Winston Churchill zeichnete die Vision der Vereinigten Staaten von Europa, und ich füge hinzu, das ohne Großbritannien niemals vollständig wäre. Nach 1945 entstand Europa von seinem atlantischen Westrand her neu. Erschöpft, aber im Glück des freien Neubeginns rückten die Völker des europäischen Westens zusammen. Es bleibt auf immer das Verdienst Robert Schumans, auch den Deutschen die Hand zu diesem Neubeginn gereicht zu haben. Ohne Frankreichs Größe wäre Europa wieder nur eine leere Idee geblieben. Inmitten des jetzigen Neubeginns einer Europäischen Union mit einer gemeinsamen Verfassung füge ich hinzu: Auch in Zukunft braucht Europa die konstruktive Mitwirkung Frankreichs mehr denn je.

Von der Hoffnung auf einen Neubeginn waren 1945 auch die Völker der Mitte, des Ostens und Südostens Europas erfüllt. Als Menschen des gleichen, des uns allen gemeinsamen europäischen Kulturraumes hofften sie auf eine neue Lebenschance in Freiheit und Frieden. Sie mussten bitter erfahren, dass Frieden ohne Freiheit nur eine halbe Befreiung vom Joch des totalitären Unrechts war. Der kommunistische Machtanspruch und das sowjetische Hegemonialstreben brachen ihre Hoffnungen nieder. 1945 war der nationalsozialistische Totalitarismus besiegt. Aber der kommunistische Totalitarismus führte Europa in die Spaltung hinein und überzog die Völker Mittel-, Ost- und Südosteuropas mit seinen Unrechtsregimen. Die Hoffnung aber blieb auch unter den unglücklichen Überlebenden des Zweiten Weltkrieges: Die Hoffnung auf ein gemeinsames, geistig-moralisch und politisch erneuertes Europa mit der Perspektive des Wohlstands für alle seine Bürger.

Diese Hoffnung haben sie schließlich in einer friedlichen Revolution verwirklicht – und „Solidarnosc“ ist dafür der Ausdruck. Sie mussten über vier Jahrzehnte warten, ehe sich die Mauer öffnete und dieser ihrer Hoffnung Raum gab. In einem tieferen Sinne endete für die Menschen Mittel-, Ost- und Südosteuropas erst 1989 der Zweite Weltkrieg, denn erst dann endete die Furcht, die sich aus Unfrieden und Unfreiheit nährt.

Erst 1989 endete die doppelte Last des Totalitarismus in Europa. Erst 1989 lehrte uns, welche Kraft Europas Werte für uns alle haben und wie sehr wir immer wieder auf das Vorbild der Mutigen angewiesen sind, um in unserer Freiheit zu bestehen. Nach 1989 konnte Europa wieder beginnen, mit beiden Lungen zu atmen, wie es der unvergessliche große Papst Johannes Paul II. formuliert hat. Die Völker des europäischen Westens haben dazu eine wertvolle, unverzichtbare und bleibende Vorarbeit geleistet. Der Aufbau der Europäischen Union mit gemeinsamen Werten, deren Kern die Menschenwürde ist, der übernationale Zusammenschluss zu einer rechtsverbindlichen Gemeinschaft der Freiheit waren die folgerichtige Antwort auf die Chance des Kriegsendes.

Der nun gemeinsame Weg des wiedervereinten Europa ist die Chance und Aufgabe aller Europäer. Jetzt bauen wir gemeinsam ein Europa, das seine Werte für alle seine Bürger verteidigt. Auf Krieg und Totalitarismus kann Europa nur noch eine Antwort geben: Den Weg der gemeinsamen Europäischen Union der Völker und der Staaten beständig, aus innerer Überzeugung und in der Annahme der Vielfalt, die Europas Schönheit und Stärke ausmacht, weiterzugehen. Die derzeitige Debatte der Europäischen Verfassung ist eine große Chance, sich dieser Grundanliegen neu zu vergewissern.

Europa ist nicht einfach eine Konstruktion der Politik. Europa ist geistiger Lebensraum. Deshalb musste die Antwort auf den furchtbaren Krieg – dessen Ende wir heute in Dankbarkeit erinnern – eine sittliche Antwort sein: Nie wieder Unfreiheit, die zu Krieg führt, nie wieder Krieg, der zu Unfreiheit führt. Das ist die Summe des Antriebs, um ein neues Europa zu bauen: ein Europa der Absage an Totalitarismus, an nationalistische Überheblichkeit und egalitäre Menschenfeindlichkeit, ein Europa der Absage an das hegemoniale Streben einzelner seiner Staaten; ein Europa des Bekenntnisses zur unverwechselbaren Würde jedes einzelnen Menschen, zum Interessenausgleich zwischen sozialen Gruppen und Völkern, ein Europa des Respekts vor der Vielfalt, ja der Stärke durch diese Vielfalt, ein Europa der Demokratie und des Rechts. Das ist das geistige Bild von Europa, das uns auch in die nächsten Jahrzehnte hinein leiten muss.

Die innere Versöhnung zwischen den Völkern und Staaten Europas ist weit vorangekommen. Wir wollen und wir müssen dieses Werk der inneren Versöhnung vollenden. In der neuen Phase unserer Geschichte wird Europa aber auch mehr denn je den Ausgleich in der Welt und mit der Welt um uns herum suchen müssen. Europas Kriege wurden zu Weltkriegen. Europas Einigung muss zu einem Gewinn für die Welt werden. An dieser Partnerschaft nach Außen werden wir ebenso gemessen wie wir uns heute über die Partnerschaft im Innern freuen können.

Wir denken in dieser Stunde an alle Opfer des Zweiten Weltkrieges, an alles Leiden und an die großen Zerstörungen. Wir denken daran, wie sehr Frieden und Freiheit zusammengehören, wenn diese großen Werte im Dienst des Menschen und seiner Würde stehen sollen. Wir denken daran, weil wir die Grauen des Krieges und den Verlust der Freiheit den nachkommenden Generationen ersparen müssen. Wir ersparen es ihnen in Europa aber nur, wenn wir uns der Welt als Partner im Friedensdienst anbieten, nicht überheblich, aber anknüpfend an unsere Erfahrungen. Wo uns dieser Dialog mit der Welt gelingt, insbesondere der Dialog der Kulturen und Religionen mit einem friedlichen Wettbewerb der Werte, wird man auch in 60 Jahren sagen können, dass Europa das Erinnern gewendet hat in einen neuen Auftrag: in den Auftrag mitzubauen an einer besseren, einer friedlicheren und freieren Welt.

  • Veröffentlicht in: Reden

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